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Von Traglingen, Fahrlingen und Mitnehmlingen

Tragen ist Liebe, heißt es so schön. Und gleichzeitig ist Tragen so viel mehr als das: Eine evolutionäre Stressmanagement – und vor allem Co-Regulations-Strategie. Für mich das einfachste Mittel, einem Baby das Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt zu erfüllen und gleichzeitig für sich selbst zu sorgen. Tragen bedeutet Freiheit – nicht nur für die Arme. Tragen bedeutet Teilhabe – für Eltern und Kind.

Schon in der Schwangerschaft mit dem Frosch wusste ich, dass ich ihn in irgendeiner Form tragen werde – und das nicht nur mit meinen Armen. Denn die werden halt einfach irgendwann müde oder ich will endlich mal wieder etwas anderes damit machen als nur mein Baby zu halten. Spätestens wenn sich das Baby nicht ablegen lassen will und sein Rund-um-sorglos-all-inclusive-artgerechtes-Pflegeprogramm lautstark einfordert, geraten wir in Stress und fragen uns manchmal: Wohin nur damit? Und hoffentlich auch: Was braucht es denn, wenn es nicht liegen will?

Und selbst wenn dein Baby sich zufrieden im Stubenwagen – oder sogar auf dem Boden – stundenlang (hahahaha!) alleine beschäftigen kann (ich beneide dich selbst um ein 10 Minuten zufrieden liegendes Baby ein wenig!) – so lade ich auch dich ein, dich mit dem Thema „Tragen“ zu beschäftigen. Denn dein Baby hat ein Bedürfnis nach Nähe, auch wenn es dessen Erfüllung nicht ganz so „gefühlsstark“ einfordert wie andere. Sehr autonome Babys sind einem besonderen Risiko ausgesetzt: Durch die fehlende Einforderung bekommen sie weniger Impulse und Anregungen für die weitere (senso-) motorische und kognitive Entwicklung.

Denn unsere Kinder verbringen im Allgemeinen bereits viel zu viel Zeit auf dem Rücken liegend: Wegen der Empfehlungen zur Prävention des plötzlichen Kindstodes schlafen sie auf dem Rücken und werden entsprechend gelagert. Sie liegen im Kinderwagen und im Maxi-Cosy, im „Laufstall“ oder auf der Krabbeldecke. Das ist eindeutig zu viel!

Risiken von zu viel Auf-dem-Rücken-Liegen

Zum einen sind da weniger Gelegenheiten, der Bindungsperson ins Gesicht zu schauen und sich dieses genau einzuprägen, weniger „Gespräche“ in Ammensprache zum Erlernen von Mimik und Lauten, weniger Anregung für die Spiegelneuronen beim „Spielen“ mit diesen sozialen Fähigkeiten und schlussendlich auch weniger körperliche Nähe, die es dann vielleicht an anderer Stelle – oder zu einer unpassenden Uhrzeit wie nachts – vehementer einfordert. Viele verlorene Bindungsmomente!

Ein häufig „nur“ ästhetisches, manchmal jedoch auch gesundheitsgefährdendes Phänomen ist die Bildung eines Plattkopfes, oder auch „Plagiozephalie“, dessen Häufigkeit durch die ärztlich empfohlene Rückenlage zur Prävention des Plötzlichen Kindstodes stark zugenommen hat.

Wikipedia zum Thema Plagiozephalie:

Die von Ärzten empfohlene Rückenlage bei Säuglingen führt zu einem deutlichen Rückgang des plötzlichen Kindstodes. Diese Maßnahme begünstigt jedoch auch eine lagerungsbedingte Kopfverformung.[3] Üblicherweise werden zur Behandlung Lagerungskissen, Seitenlagerungsschienen oder in ausgeprägten Formen eine Helmtherapie empfohlen.

Was von vielen Laien und auch Fachpersonen häufig mit „das wächst sich aus“ abgetan wird, kann jedoch extreme Folgen für die Gesundheit unserer Kinder haben. Die Physiotherapeutin Kathrin Mattes hat das Problem des Schiefhalses und der Bevorzugung von bestimmten Kopfhaltungen von vielen Seiten betrachtet und stellt klar:

„Ein möglichst früher Therapiebeginn ist essentiell und führt zu einer sehr hohen Erfolgsrate. Dass ein Baby eine Seite bevorzugt, ist niemals normal und immer behandlungswürdig.“ 

Kathrin Mattes, siehe auch:
https://www.facebook.com/physiomattes/posts/3525576930884683
Danke an Liane Emmersberger, die Kinästhetik Spezialistin im Artgerecht Projekt, für den Hinweis auf diesen wertvollen Beitrag!

Herbert Renz-Polster bezeichnet das Phänomen sogar als kulturellen Pflegefehler und auch ich bin der Meinung, dass sich hier einiges ändern muss, wenn wir uns wünschen, dass unsere Kinder gesund heranwachsen.

Die beste Prävention für all diese Phänomene ist in meinen Augen das Tragen des Babys in einer Tragehilfe. Das wundervolle am Tragen ist, dass es nicht nur gut fürs Baby ist, sondern auch für uns Große. Und die Natur hat sich da etwas ganz spannendes für uns Menschen ausgedacht.

Evolution, Baby! Zum Tragen gemacht

Ich für meinen Teil hatte ein richtiges Steinzeit-Baby, das sich nicht so einfach mal eben ablegen hat lassen. Das sehr viel Nähe lautstark eingefordert hat. Am Anfang hat mich das ziemlich gestresst und ich erinnere mich noch an diesen zauberhaften Moment als mein Mann uns ein leckeres Steak zubereitete (mein erstes nach der Schwangerschaft) und es mit Stillen und Schlafen genau hingehauen hat: Der Frosch ließ sich wohlig ruhend ablegen und wir konnten unser erstes Candlelight-Dinner als Eltern genießen. Für ca 20 Minuten.

Im Allgemeinen war unser Sohn ziemlich gestresst, wenn wir ihn in seinen Stubenwagen, ins Bett oder auch auf eine Decke am Boden ablegten. Er wusste instinktiv: Hier ist es nicht sicher für mich! Mama oder Papa könnten mich vergessen. Ich sehe nicht, was um mich herum passiert, ist dieses Geräusch gefährlich? Holt mich hier weg! Ich will hier nicht sein! Er weinte: „Hilfe!“

Und was macht ein feinfühliger Homo-Sapiens, wenn ein Baby weint? Klar: Er geht hin und nimmt es auf den Arm. Das Fürsorge-System im Gehirn läuft an und wir schauen, was dieser kleine, hilflose Mensch denn nun brauchen könnte. Und schon beim Aufheben macht ein Homo-Sapiens-Baby eine für ihn typische Bewegung: Es zieht die Beine an, nimmt eine „Anhock-Spreiz-Haltung“ ein und bereitet sich so aufs Getragen-Werden vor. Eng am Körper der Bindungsperson geschmiegt, in seiner natürlichen Haltung mit Rundrücken und später aufgerichteter – entsprechend der Entwicklung der Wirbelsäule. Denn ein gerader Rücken entsteht nicht durch Liegen, sondern durch die Entwicklung der Rückenmuskulatur.

Unsere physiologisch Frühgeborenen kommen mit einem Rundrücken zur Welt (Totalkyphose). Erst im Zusammenspiel mit der Motorik entwickelt sich die für den aufrechten Gang so wichtige doppelte Krümmung unserer Wirbelsäule. Das Baby lernt zunächst, den Kopf zu heben und zu kontrollieren. Mit dem Training der Nackenmuskulatur bildet sich die Nackenlordose, also die erste Kurve am oberen Ende der Wirbelsäule. Dann folgt weiteres intensives Training – am besten nach einem individuellen und vom Kind gesteuerten Trainingsplan. Die Babys drücken sich mit den Armen hoch, gehen in den Vierfüßerstand. Sie lernen sich hinzusetzen, zu krabbeln, sich hochzuziehen und „plötzlich“ können sie Stehen, Gehen und Rennen. Ein gesundes Baby lässt sich hiervon nicht abhalten, egal wie oft es auf dem Weg dahin hinfällt. Mit der Lendenlordose als letztem Schritt ist die Aufrichtung der Wirbelsäule abgeschlossen. Der aufrechte Gang ist anatomisch möglich.

Während dieser Zeit ist auch die Hüfte nachgereift, d.h. sie hat sich verknöchert und geschlossen. Die noch andauerende Entwicklung sorgt zunächst für eine Außendrehung der Knie (O-Beine kommen bei Laufanfängern nicht von der Windel, sondern sind Teil der natürlichen Entwicklung!) bevor sich auch die Beine entsprechend drehen und das normale (= gesunde) Gangbild des Homo Sapiens sichtbar wird.

Doch auch dann tragen die kleinen Beine unseren Nachwuchs noch nicht sehr lange Strecken. Auch Kleinkinder bleiben Mitnehmlinge, ob im Kinderwagen oder auf dem Rücken ihrer Bindungspersonen.

Menschen sind Traglinge, keine Liegelinge!

Die Natur hat zahlreiche Konzepte der Brutpflege unter den Säugetieren hervorgebracht. Während Kaninchen-, Katzen- und andere Babys im Nest still warten, bis die Eltern mit Muttermilch oder anderer Nahrung zurückkommen (Nesthocker), lernen Fluchttiere wie Pferde oder auch Rehe in den ersten Minuten nach der Geburt das Laufen (Nestflüchter), um mit der Herde mitzuhalten. Bei Beuteltieren dürfen sich die Neugeborenen direkt an die Milchquelle im Beutel festsaugen und werden hier noch weiter „ausgebrütet“ – und darüber hinaus noch lange mitgenommen, bis es irgendwann schlicht zu eng wird und die Mutter den Nachwuchs „rauswirft“ (passive Traglinge).

Wallaby mit Baby. Bild von sandid auf Pixabay

Menschenbabys sind tatsächlich ebenso physiologische Frühgeburten – statt eines Beutels haben wir jedoch Arme, ein entsprechend ausgebildetes Becken und die Fähigkeit, Werkzeuge zu benutzen. Hier heißt das Werkzeug jedoch nicht Hammer oder Beil, sondern Tragetuch. Genau wie Menschenaffen gehört der Homo Sapiens zu den „aktiven Traglingen“. Neben dem Greif- und Mororeflex bringen Menschenbabys auch eine natürliche Anhock-Spreiz-Haltung mit, während unser erwachsenes Becken (ganz besonders das weibliche) einen praktischen Hüftsitz bildet. Weil jedoch die einseitige Belastung auf Dauer beim Tragenden zu Problemen führen kann, haben die Menschen das Tragen ergonomischer gemacht. Mit Hilfe von Tüchern und auch zahlreichen anderen zum Teil abenteuerlichen Lösungen sorgen wir für Erleichterung und nehmen unseren Nachwuchs einfach überall hin mit.

Mitnehmlinge: Mittendrin statt nur dabei!

Auch weit über das Säuglingsalter hinaus bleiben unsere Kinder „Mitnehmlinge“. In einer nomadisch lebenden Gruppe hätte ein Kleinkind niemals mithalten können. Die kleinen Beine sind noch nicht so schnell und brauchen viele Pausen. Und doch müssen auch die kleinen ja mit! Doch je schwerer sie werden, desto anstrengender wird das Ganze. Spätestens mit drei wandern die Kinder von Mamas Hüfte oder Rücken also lieber auf Papas starke Schultern. Was nicht ausschließt, dass auch Männer schon Neugeborene oder Säuglinge tragen. Ganz im Gegenteil! Das Tragen stellt für jede Bindungsperson – ob Mama, Papa, Oma, Opa, (Paten-) Tante… – eine zauberhafte Möglichkeit dar, dem Kind Nähe und Sicherheit zu schenken, Bindung aufzubauen. Ich nehme dich mit. Du bist hier sicher. Ich passe auf dich auf uns sorge gut für dich.

Dank Tragetuch war der Frosch schon bei zahlreichen Motorrad-Events mittendrin dabei und ich brauchte keine Angst haben, dass er unter die Räder kommt. Denn auf dem Rücken konnte er in der großen Menschenmenge weder verloren gehen noch unbemerkt abhauen. Er sah nicht nur den Himmel oder Beine / Hinterteile. Er war auf Augenhöhe, konnte Gesichter sehen, in Verbindung mit anderen treten, ohne dass sie sich zu ihm runterbeugen mussten. Er konnte sich jederzeit zurückziehen, anlehnen und sich fallen lassen. Einschlafen, wenn er müde war.

Das Tragen bedeutet für mich vor allem Freiheit. Nicht nur für die Arme, sondern auch Barrierefreiheit und Teilhabe. Während ich mit dem Kinderwagen immer Ausschau halten muss nach Rampen, Aufzügen oder Hilfe, z.B. beim Einsteigen in öffentliche Verkehrsmittel, komme ich mit Baby vor dem Bauch oder auf dem Rücken überall dorthin, wo meine Füße mich hintragen. Ob im Großstadtdschungel oder auch beim Wandern in den Bergen.

Die seltenen Male, die ich mit Kinderwagen unterwegs war, habe ich mich an meine Zeit im Familienunterstützenden Dienst in der Behindertenhilfe erinnert. Meine Klientin war an guten Tagen an einen Rollator gebunden, an schlechten sind wir mit dem Rollstuhl losgezogen. Das war für mich am Anfang gar nicht so einfach, denn mir wurde das erste Mal bewusst, wie viele für mich selbstverständliche Wege nicht barrierefrei sind. Mit Kinderwagen stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen, müssen Umwege nehmen und sind auf Hilfe angewiesen, z.B. beim Einsteigen in den Bus.

Mit Tragetuch bin auch ich mittendrin statt nur dabei und habe mein Kind auf Augenhöhe bei mir. Ich setze ein Statement, dass dieses Kind zu mir gehört und ich trotzdem ganz viele Freiheiten genieße. Bei einer Demonstration bei uns im Stadtteil gegen Antisemitismus und Fremdenhass war unser Sohn im Regenbogentuch Teil eines politischen Statements. Und so kann der „Stapel“ auch mehr als ein Ausdruck von Modebewusstsein, Geschmack oder praktischem Denken sein.

Ich will den Kinderwagen in diesem Beitrag nicht verteufeln. Er ist tatsächlich super praktisch und auch wir haben ihn genutzt – wenn auch selten. Er passt halt einfach nicht so sehr zu unserem Lebensstil. Und doch gilt auch beim Tragen: Das ist kein Wettbewerb! Es geht nicht darum, den Kinderwagen oder Buggy gar nicht zu benutzen. Wir haben sogar nach langer Pause im letzten Jahr mal wieder unseren Buggy rausgeholt, obwohl der Frosch zu dem Zeitpunkt vor allem mit dem Laufrad unterwegs war. Das war kein Rückschritt, sondern eine Entscheidung, in der viele unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigt wurden. Und so lange sich ein Kind neben dem Liegen oder Sitzen im Kinderwagen noch ausreichend bewegt, stellt er weniger ein gesundheitliches Risiko dar als viel mehr eine wundervolle Erleichterung im Alltag mit Kind. Gleichzeitig bietet das Tragen eine Möglichkeit, die Entwicklung von Babys auf vielfältige Weise zu unterstützen.

Vorteile des Tragens für die (sensomotorische) Entwicklung

Denn beim Tragen sind Babys in keinster Weise passiv. Ganz im Gegenteil: Sie bekommen durch das Getragen werden viele wertvolle Reize mit, welche die sensomotorische Entwicklung fördern. Alle Körpersinne werden unterstützt: Ganz besonders das vestibuläre System, welches für die Wahrnehmung von Schwerkraft, Gleichgewicht und Bewegung zuständig ist. Auch die Wahrnehmung der inneren Organe (viszerales System) und der Körpergrenzen (taktiles System) sowie das kinästhetische System, also die Wahrnehmung der Lage der Körperteile zueinander, werden angeregt. Wenn ein Baby getragen wird, unterstützt das außerdem auch die Fernsinne. Denn was sieht ein Baby im Kinderwagen liegend? Den Himmel, evtl noch Bäume und Schatten, wenn sich etwas oder jemand direkt darüber beugt. Aufrecht in der Trage kann das Baby alle Sinne schulen und auch kombinieren. Auf dem Marktplatz riecht es nicht nur den Fisch, sondern sieht auch den dazugehörigen Verkaufsstand. Es kann Geräusche zuordnen und sehen, wer oder was diese Geräusche macht. Es kann Dinge anfassen, in die Hand nehmen oder sich an den Tragenden ankuscheln und sich zurückziehen.

Darüber hinaus wird durch das Tragen sogar die Verdauung unterstützt, denn eng an die Bindungsperson gebunden, bekommt das Baby jedesmal eine wertvolle Massage, welche die Darmmotorik und -entleerung unterstützt. Also bei Koliken und Bauchweh lieber nicht den Fliegergriff nutzen, sondern ab ins Tuch oder die Tragehilfe.

Ich freue mich schon sehr darauf, im artgerecht Projekt vor allem im Bereich „Kinästethik Infant Handling“ mein Wissen noch zu erweitern.

Wie bei uns alles begann

Meine eigene Tragegeschichte beginnt damit, dass ich selbst schon als Baby von meinen Eltern getragen wurde. Leider gibt es keine Fotos, aber meine Mutter erinnert sich noch sehr gut an den rosa Tragebeutel, in dem sie mich als Säugling immer dabei hatte. Trotz all der Warnungen ihrer Mutter, dass sie mich so verwöhne. Mein Papa erzählt heute noch gerne die Geschichte, wie er mich in der Kiepe getragen hat und wir im Wald von einem Greifvogel angegriffen wurden. Für ihn war dies wohl traumatischer als für mich, denn ich kann micht nicht daran erinnern.

In der Schwangerschaft haben wir günstig einen gebrauchten Kinderwagen von einem Arbeitskollegen meines Mannes gekauft – die Dinger sind ja echt schweine teuer! Einem anderen Arbeitskollegen haben wir einige Klamotten, Spielzeuge und auch eine Manduca* Tragehilfe abgekauft. Mit dieser sind wir allerdings nicht wirklich warm geworden. Viel zu steif und zu wenig elastisch kam mir diese vor. Bei einer U-Untersuchung fragte ich die Kinderärztin, was sie vom Tragen im Tuch hielt und sie empfahl mir für den Anfang ein elastisches Tragetuch. Und so landete die Manduca in der Ecke und das erste Tuch von Didymos* zog bei uns ein.

Doch es dauerte ein wenig, bis das Tragetuch zur Selbstverständlichkeit wurde. Ich erinnere mich an einen Spaziergang im Wald mit meinen Eltern. Wir hatten kein Tragetuch dabei, sondern waren mit Kinderwagen unterwegs. Der Frosch hat irgendwann angefangen, bitterlich zu weinen und wollte sich im Wagen einfach nicht beruhigen. Erst als ich ihn auf den Arm nahm und er sich aufrecht umblicken konnte, war er wieder zufrieden. Ich trug ihn also in meinen Armen, während meine Mutter den leeren Kinderwagen schob. In diesem Moment wusste ich: Ich werde das Haus so schnell nicht mehr ohne Tragetuch verlassen!

Irgendwann wurde der Frosch allerdings zu schwer für das elastische Tuch und ich neugierig auf andere Bindeweisen. Wir besuchten einen Trageworkshop in der Praxis meiner Hebamme und probierten unterschiedliche Tragehilfen, Tücher und Bindeweisen aus. Und plötzlich fand selbst mein Mann das Tragen im Tuch klasse. Das war einfach sehr viel bequemer als die starre Manduca*. Extra für ihn bestellten wir ein LennyLamb* Regenbogentuch, das schlussendlich doch ich überwiegend nutzte. Mit einem DidyTai* zog noch eine bequeme Tragehilfe ein, die uns im Urlaub in Österreich einen unbezahlbaren Dienst erwiesen hat, jedoch mit zunehmendem Gewicht vom Frosch auch unbequem wurde. Erst mit dem Einzug der Ruckeli*-Trage, war auch mein Mann wieder voller Begeisterung dabei.

In der Folge verschlang ich bei YouTube die Videos von Wrap You in Love*, experimentierte und lernte den Umgang mit Tragetuch. Was es hier alles zu lernen und auszuprobieren gab! An eins traute ich mich allerdings noch nicht heran: Das Tragen auf dem Rücken. Und als der Frosch sich mit 4 Monaten immer fester wegdrückte und beim Tragen versuchte, sich umzudrehen wurde es immer dringlicher, ihn auf den Rücken zu nehmen. Er wollte mehr sehen. Im inzwischen bei uns eingezogenen RingSling von Hoppediz* war er super glücklich, aber besonders für längere Ausflüge war das Tragen auf der Hüfte nicht bequem genug für mich.

Und so kam mir der Tag der Offenen Tür im Krümelchen *in Mülheim a.d. Ruhr mir sehr gelegen, bei dem es einen Rückentrage-Workshop geben sollte. Ich bin zusammen mit einer Freundin hin und durfte hier das erste mal professionell begleitet den „Einfachen Rucksack“ binden. Für den „Double Hammock“ war mein Sohn noch zu klein – dieser wird wegen der doppelten Tuchbahn am Rücken des Traglings erst empfohlen, wenn das Baby schon selbstständig sitzen kann. Doch auch da schaute ich schon neugierg und vor allem staundend zu. Das sah ganz schön kompliziert aus!

An diesem Tag lernte ich auch Judith kennen und unterhielt mich kurz mit ihr übers Tragen und über Zwergensprache. Leider hat ihr Kurs damals für mich zeitlich nicht gepasst und auch im Eltern-Zwergen-Cafe konnte ich nur einmal teilnehmen, denn es fand genau an dem Nachmittag statt, an dem ich arbeiten musste. Und so kann Judith sich heute leider gar nicht an diese Begegnung erinnern, obwohl sie bei mir einen bleibenden Eindruck und ganz viel Neugierde hinterlassen hat. Umso schöner, dass wir bei unserem ersten „richtigen“ Treffen Anfang 2020 sofort auf einer Wellenlänge waren.

Ich fing an, mich mit Dingen wie Flächengewicht, Webarten, unterschiedlichen Längen und entsprechenden Bindeweisen zu beschäftigen. Neben den Stoffwindeln habe ich hier den nächsten Suchtfaktor rund ums Baby gefunden: Den Tragetuch-Stapel, der mit der Zeit immer größer wurde…

Das Tragen hat mir und uns den Alltag so sehr erleichtert. Immer wenn das Nähebdürfnis vom Frosch uns „in die Quere“ kam – ob beim Haushalt, Kochen oder auch unterwegs – holten wir ein Tuch hervor. So kamen wir alle auf unsere Kosten. Auch Sport mit Baby war so unglaublich leicht in den Alltag einzubauen. Selbst beim Kanga-Training mit der zauberhaften Anika nutzte ich lieber ein Tuch als eine Tragehilfe. Und: Das Putzen mit Kind auf dem Rücken war jedes Mal ein eigenes Workout. Richtig praktisch: Das Training wird durch die Gewichtszunahme des Babys langsam aber sicher zunehmend intensiver.

Was bleibt vom Stapel? Hilfe für andere Familien, ein bisschen Wehmut und Vorfreude

Unser mittlerweile ungenutzter Stapel ruht sich zur Zeit vor allem im Kleiderschrank vom Frosch aus. Mein großer Schatz „Into the Woods“ hat 2019 mal eine Urlaubsrunde im kindsknopf*-club gemacht und diverse Tücher und Accessoires waren bzw. sind als Dauerleihgabe auf Kuscheltour bei befreundeten Familien. Erst letzte Woche berichtete eine Freundin, dass sie ihre kleine Tochter so gerne mehr im Alltag tragen würde, aber sie so Rückenschmerzen von ihrer Trage bekomme. Die Kleine komme nur schwer zur Ruhe, weil ihr großer Bruder die ganze Zeit um sie herumwusele und natürlich viel spannender als Schlafen sei. Ich habe ihr kurzerhand unsere Ruckeli* rausgeholt, die in meinen Augen eine der ergonomischsten Tragehilfen auf dem Markt ist. Und so gabs auf dem Spielplatz einen kleinen Trageworkshop mit gemeinsamen Einstellen und Ausprobieren. Das Ergebnis ist eine erleichterte Mama, die ihrem Baby so mit Leichtigkeit wieder zu mehr Schlaf am Tag verhelfen kann.

Tragen ist eben nicht nur Liebe, sondern auch ganz viel Selbstwirksamkeit und Kompetenzerleben für Eltern. Es nimmt Stress aus Situationen, in denen das Nähebedürfnis des Babys mit den Bedürfnissen anderer Familienmitglieder kollidiert. Ich vermisse unsere Tragezeit sehr und freue mich schon jetzt auf einen neuen Tragling, der oder die mit Sicherheit noch mehr Zeit im Tuch verbringen wird als der Frosch. Schon jetzt gibt es mir Sicherheit und Vertrauen, dass ich es schaffen werde, die Bedürfnisse von allen Beteiligten gut unter einen Hut zu bekommen.

*unbezahlte Werbung

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