Burnout-Prävention,  Erziehung,  Heldengeschichte,  Unsere Geschichte

Darf ich vorstellen, mein innerer Monk. Oder: Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?

Kerstin Wemheuer fragte mich und tausend andere Menschen bei der #fuckeinfachmachen Challenge in der letzten Woche nach unseren Special Effects. Und so erzähle ich dir heute eine Geschichte, wie ich zu meiner Superheldenkraft gekommen bin. Denn fühlen – das musste ich erst (wieder) lernen. Teilweise auf die harte Tour. Mein Gefühlskompass war lange Zeit ungenutzt, eingehüllt in Watte oder andere Schutzpanzer. Doch glücklicherweise treten zur richtigen Zeit die richtigen Menschen in mein Leben, die mich immer wieder raus aus der Komfortzone holen. Viele Wege führen nach Rom und ich habe viele Abzweigungen ausprobiert, um meinen zu finden. Dabei mussten Türen oder Mauern auch schonmal eingetreten oder gesprengt werden. Welche Superhelden mein inneres Team bilden, welche Stimmen auf meinen Schultern und in meinen Ohren singen, das liest du in diesem Beitrag.

Ich hab mir vorgenommen, mich aus meiner Komfortzone rausziehen zu lassen. So habe ich in der letzten Woche mein erstes Ista-Live aufgenommen und als IGTV hochgeladen. Ein Video von meiner Singstimme zu veröffentlichen, war für mich einfacher als das. Dank Daya Sea und Barbara Strele, die mich in diesem Bereich aus meiner Komfortzone geholt haben. Schon 2020 habe ich einige Facebook Lives gemacht. Teilweise ganz öffentlich und dann noch ein paar mal im geschützten Rahmen unserer dortigen Facebook-Gruppe. Noch immer löst der Gedanke daran immensen Stress in mir aus. Auch diese Angst gehört zu meinem inneren Monk, von dem ich schon so viele Facetten liebend umarmen gelernt habe. Denn ich habe sogar ein ganzes Team in mir, dessen Regie manchmal gar nicht so einfach ist.

Hi, ich bin Wiebke und wir sind fünf.

Klar könnte ich dir jetzt von meinem Spülmaschinen-Monk erzählen, dass ich mein ganz eigenes Tetris-System habe und regelmäßig alles summend umbaue, wenn der Lieblingsmann oder Besuch einfach irgendwie die Spülmaschine eingeräumt hat. Von meiner inneren Nerdin, die für den Weltfrieden shieldend als Nachtelfen Diszi-Priesterin durch die World of Warcraft gereist ist, „nur noch eine“ Quest nach der anderen verträumt erledigend und beim Blümchen pflücken in Elite Riesen reinlaufend, DKP Punkte sammelnd und 7 Tage die Woche im Teamspeak. Ich könnte dir von meinen Migräne-Attacken erzählen, meinem Burnout und wie dieses mich wieder ins Leben zurück geholt hat. Und wie mir mein Psychologie-Studium geholfen hat, mein inneres Feuer wieder zu entfachen. Doch statt dessen nehme ich dich mit auf eine Reise in mein Inneres. Ein Seelen-Striptease, das mich weit aus meiner Komfortzone herausholt. #fuckeinfachmachen

Ich möchte dir heute vorstellen: Mein inneres Team, das für all das Hintergrund-Gequassel in meinem Kopf verantwortlich ist. Dabei erzähle ich dir eine Geschichte, wie ich es schaffe, dieses Team als Dirigentin zu einer gemeinsamen – möglichst harmonischen – Melodie zu verbinden.

1. Mein inneres Kindergarten Kind

Die kleine Wiebke ist 4 Jahre alt, als ihre Eltern sich trennen. Sie ist tieftraurig und hat vor allem Angst, (wieder) verlassen zu werden. Sie begann zu heilen, als ich mit 16 wieder Kontakt zu meinem Vater aufnahm. Ich konnte sie langsam wieder hervorgelockt durch regelmäßige Papa-Tage, viele gute Gespräche und Sauna-Gänge. Gleichzeitig wurde sie eine große Schwester und durfte beobachten, was einen wundervollen Vater sie „verpasst“ hatte – mal mit mehr mal mit weniger Stichen im Herzen. Ich war Mitte 20 als ich meine kleine Wiebke wieder in die Arme schließen konnte. Eine Schamanin hat sie für mich herbeigetrommelt und seit diesem Tag begleitet mich der Delphin als Krafttier. Als Anfang 2013 mein damaliger Partner mit zwei Freundinnen ohne mich nach Brasilien geflogen ist, brach für mein inneres Kind die Welt zusammen. Dieses Gefühl von allein-und-zurückgelassen-werden, hat mich so getriggert, dass ich Panikattacken bekam. Für mein inneres Kind rief ich meinen Vater zu Hilfe, dem ich so viele unausgesprochene Worte an den Kopf schleudern durfte und der mich am Ende nur noch in den Arm nehmen brauchte, um mich wieder in dieser Welt zu verankern.

Heute ist mein inneres Kindergartenkind nur noch selten ängstlich. Vor allem genießt es die Zeit mit dem Frosch und ich achte darauf, dieser Facette von mir genügend Raum zu geben. Denn dann bin ich ganz im Hier und Jetzt, lasse mich in den Moment ziehen. Das habe ich schon vor der Geburt meines Sohnes gemacht („Oh geil, eine Rutsche. Ich bin mal kurz weg!“), doch mit Kind erlaube ich mir das inzwischen viel häufiger – wenn ich nicht gerade zu müde bin 😉 . Ich lass mich gerne in sein phantastisches Abenteuerland mitnehmen und stärke dadurch nicht nur unsere Bindung zueinander, sondern tue auch ganz bewusst etwas für mich und mein Wohlbefinden.

2. Mein wütendes inneres Schulkind

„Mein Papa ist ein Arschloch!“ Ich erinnere mich, diesen Satz in der Grundschule vor der ganzen Klasse gerufen zu haben. Ich war wütend. Und einsam. Ich habe mich schutzlos gefühlt. Anstelle meines Papas war mein zukünftiger Stiefvater bei meiner Einschulung dabei. Erinnerungen an meine Grundschulzeit sind geprägt von Spaßkloppe, fliegenden Steinen zwischen den unterschiedlichen Schulhöfen, eine Ohrfeige von meiner Mutter auf offener Straße, eine Ohrfeige von meinem Stiefvater wegen einer nicht aufgeräumten Spülmaschine. Ich war ein Schlüsselkind, war stolz wie Oskar auf mein erstes selbst gebratenes Spiegelei.

Ich war ein liebes Kind. Ich war sehr sportlich. Ich probierte unterschiedliche Sportarten wie Eiskunstlauf und Reiten. Wir machten Akrobatik im Hinterhof und auch Schellemänneckes. Mit 8 traf ich die Entscheidung, dass ich mit 16 den Führerschein Klasse A1 für 125 ccm Motorräder machen will.

Ich war ein liebes Kind. Die erste Zigarettenschachtel kaufte ich mit meiner damals besten Freundin am Automaten im Studentenwohnheim als ich 11 Jahre alt war. Ich rebellierte. Fand halt in der Gruppenstunde, fuhr auf Ferienfreizeiten ohne Heimweh zu haben. Genoss die zwei Wochen Freiheit. Mit 12 geriet ich in eine Prügelei auf dem Schulhof, als ich die Brüder einer Freundin in Schutz nahm und dafür Schläge einkassierte. Diese Ohnmacht konnte ich erst Jahre später auflösen. Ich konnte mich nicht körperlich wehren, sondern nahm nur eine schützende, kauernde Haltung ein. Ich nahm die Deckung hoch und ließ sie einfach auf mich einprügeln. Keine Wut. Nur Angst und Durchhalten. Irgendwann wurde sie müde. Ich ging nach Hause, fuhr mit Mama ins Krankenhaus, zur Polizei und zum Schiedsmann. Die Täterin war gerade eben noch nicht strafmündig, doch es gab ein kleines Schmerzensgeld.

3. Mein innerer Teenie – Gefangen im Hormonkäfig aus Watte und Fett

Ich war gut in der Schule, bis auf einen (typischen?) Absacker in der 8. Klasse. Ich trieb Leistungssport auf dem Trampolin, fuhr in der Freizeit viel Inline Skates oder mit dem Fahrrad durch den Wald. Der erste Freund mit 13. (Zahnspangen-) Küsse und Händchen halten ließen mich im 7. Himmel schweben. Meine Hormone wurden ab 14 allerdings durch die Pille in Schach gehalten.

Eine ganz neue Welt tat sich auf: Die Tanzschule. Und die Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen, die mich an den Rand der Bulimie brachten. Ich entdeckte Alkohol. Ich fühlte mich hässlich, ungeliebt. Nicht liebenswert. Ich packte mich in Watte. Ich war einsam. Ich schloss meine Zimmertür, damit ich den Streit im Wohnzimmer nicht hören musste. Ich erlebte Scheidung Nr. 2 mit 15 Jahren. Mein Herz brach das zweite Mal, noch bevor ich das erste Mal selbst so richtig verliebt war. Das war mit 16 und ich hätte mir keinen besseren aussuchen können. Ich tauchte ein in eine Welt voller Partys, Tanzen, Alkohol und Sex. Doch gebremst wurde ich durch die 0-Promille-Grenze, die ich mit Mama fürs Roller fahren ausgemacht hatte. Wenn ich diese Freiheit genießen wollte, musste ich nüchtern bleiben.

Dank Motorisierung fühlte ich mich frei, unabhängig und stark. Gleichzeitig fühlte ich mich wie ein fettes, graues Mauerblümchen, daran änderten auch mein erstes Piercing und mein erstes Tattoo nichts. Ich ging für 10 Wochen auf Schüleraustausch nach Australien. Hier fühlte ich mich das erste Mal richtig frei. Ich ersetzte die Watte durch Fettpolster und kam mit knapp 20kg mehr auf den Rippen wieder nach Hause. Ich sag nur Tim Tams! Ich war ein ganzes Stück erwachsen geworden und ein neuer Mensch. Ich erlebte die nächste große Trennung und auch ich brach das erste mal ein Herz. Für meine Freiheit. Neben der Schule ging ich arbeiten, nahm Drogen. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib bei Linkin Parks „Numb“. Ich feierte und fühlte. Endlich. Rock’n’Roll, Baby! Ich suchte Tiefe und fand Schatten. Eine elende Fratze, die ich erst lieben lernen musste.

Mit 16 wurde mir von einem Kerl prophezeit, dass ich viele Herzen brechen würde und in die Fußstapfen meiner Mutter treten, wenn ich nicht aufpassen würde. Das wollte ich ihm damals nicht glauben. Und es sind dennoch einige Herzen- und das ein oder andere Ego – geworden. Irgendwo in meinen Tagebüchern findet sich noch eine Liste von Liebhabern, Beziehungen. Furchtbar peinliche Tiraden über schiefgelaufene oder grandiose Abende voller Jobs in der Gastro, Sex and the City, Sekt, Grasgeflüster, Jägermeister-Bull, Sex on the Beach. Und Absinth.

4. Friedvolle Hexe mit Psycho-Brille

Irgendwann traf ich Menschen, die mir halfen, den Blick für meine eigene Schönheit, meinen Mut und das Tor zur Selbstliebe zu öffnen. In Massagen, Meditationen, Kamasutra und Esoterik fand ich einen Einstieg in die Persönlichkeitsentwicklung. Ich begab mich auf Schamanische Reisen mit Trommeln und Karten. Und Punkrock. Meine Krafttiere begleiten mich nun schon seit vielen Jahren. Der Elch, der Delphin und der Kolibri helfen mir zum Beispiel bei der Parkplatzsuche und dabei, die kleinen zauberhaften Momente und Blitzlichter festzuhalten, den Zauber im Alltag zu finden. Wie unser Wichtel, der manchmal Süßigkeiten oder frische Beeren für den Frosch herzaubert. Oder auch Spielzeug verschwinden lässt.

„Luzifers Lichtreise“ war lange Zeit meine liebste Meditationsmusik. In Begleitung einer schwarzen Kerze, einem feinen schwarzen Moltontuch, zauberhaft illustrierten Karten der Erkenntnis oder dem Tarot der Unterwelt, mit deren Hilfe ich mich mit vielen meiner Schatten – und auch Stärken – auseinander gesetzt habe. Ich habe gelernt in den Spiegel zu schauen und zu sprechen: „Ich bin eine wunderschöne junge Frau!“ Das geht heute mit einem freudigen Lachen im Gesicht. Auch wenn ich inzwischen nicht mehr ganz so jung bin. Beim ersten Mal geschah es unter Tränen in einer tiefen Katharsis.

Ich habe die rosa rote Brille für mich selbst entdeckt und dann auch für die Welt. Ich habe mir den Minirock (und die halterlosen Strümpfe) hart gegen ein inneres Bild von Elefantenbeinen erkämpft und lege ihn so schnell nicht mehr aus meinem Kleidungsstil ab. Früher habe ich mir das nur beim Feiern gehen oder im Fotoshooting erlaubt. Heute kletter ich damit auf Spielplätzen rum. Mit Leggings und Wildingen ist alles möglich. Oder mit Pettycoat. Dance wild!

Im Jahr 2010 kam die Psychobrille zur rosa roten Brille dazu. Im Studium an der Fernuni Hagen fand ich endlich eine Sprache für all das, was ich schon immer voller Faszination bestaunt habe. Warum ticken Menschen, wie sie ticken? Ich fand Bestätigungen für meine Beobachtungen. Antworten auf so viele Fragen. Und natürlich eröffneten sich durchweg neue Fragen.  Ich staune jeden Tag über die Zusammenhänge zwischen Individuen, eingebettet in Familie, Clan, Institutionen und Gesellschaft. Unser Handeln und unser Denken wirkt. Unsere Gedanken formen unsere Wahrnehmung unserer Welt. Ganz persönlich, lokal bis global. Wir sind eingebettet in das Ökosystem Erde und ein Teil des Großen Ganzen. Jeden Tag, jeden Augenblick erschaffen wir unsere ganz eigene Welt.

Mit der Wertschätzung für mich selbst kam auch die rosa rote Brille für meine Mitmenschen. Und für 1000 gute Gründe, die jemand für sein Verhalten haben könnte. Meditationsübungen der „liebevollen Güte“ zogen in mein Leben ein. Ich entdeckte die gewaltfreie Kommunikation, die mir half, auch mit mir selbst liebevoller umzugehen. Die Arbeit mit Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderung hat mich hier während meines Studiums sehr geprägt. Gelebte Inklusion in einem Brenntpunkt-Stadtteil von Duisburg. Ich entdeckte Yoga für mich. Wir praktizierten täglich in der großen Pause und ich bekam sogar ein Diplom!

Ich lebte mit offenem Herzen. Ich hatte Watte und Rüstung beiseite gelegt. Ich vergoss Tränen bei einer Ritter Rost Aufführung. Ich führte träumerische Gespräche über die großen ungelösten Fragen der Physik mit einem Grundschüler. Ich lernte eine weitere Meditationsform: Das Häkeln! Meine erste Boshi Mütze wurde im Frühling fertig – typisch überpünktlich… 😉

Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit oder mit dem Motorrad, meinem Hexenbesen. Meine geliebte F800 GS mit dem unverwechselbarem Sound – viel cooler als ein Nimbus 2000! Ich brachte die Menschen zum Lachen und die Kinder zum Staunen, wenn ich wie ein Sturmtruppler mit quietschenden Stiefeln daher kam.

Ich erlebte Entschleunigung. Trotz oder gerade bei den 30 Stunden Arbeit neben dem Studium, welches ich zu meinem Hobby ernannte, u m die Lernfreude aufrecht zu erhalten. Ich fand im Baerler Busch zurück zu meinen Wurzeln. Ich lernte, unterschiedliche Perspektiven nebeneinander stehen lassen zu können. Ich vermittelte zwischen den Generationen in meinen Rollen als große Schwester, Patentante und erwachsene Tochter.

Ich lernte endlich zu kämpfen. Schon mit 16 habe ich mal halbherzig Escrima ausprobiert und war ganz überrascht, dass ich einem erwachsenen Mann ein blaues Auge schlagen kann. Doch ich musste erst fast 30 Jahre alt werden, um wirklich aus der Deckung aufzutauchen und zurück zu schlagen. Mit Krav Maga brachte ich meinen Körper weiter und weiter über seine Grenzen hinaus. In einer 90 Minuten Trainingseinheit mindestens 5 Mal und auch über die Kotzgrenze hinaus. Ich wurde stark. Ich konnte meine 217kg Maschine von Motorrad alleine aufrichten, nachdem ich sie in den Matsch geworfen hatte. Ohne mir dabei in die Hose zu pinkeln. Ich bin reingesprungen in mein artgerechtes Abenteuer Leben.

5. Die faule Mutter auf dem Weg nach Valhalla

Mutter zu werden hat mich staunen lassen über meine Schöpfungskraft. Dieses Wunder der Natur. Dieses Vertrauen in meine Kraft als Löwin. In ein Jahrmillionen ausgeklügeltes biologisches System. Gestärkt darin hat mich meine Hebamme Susanne Schlößer, im Rahmen der Vorsorge und Wochenbettbetreuung ebenso wie beim Geburtsvorbereitungskurs mit Hypnose. Mein Blick auf das Gebären hat sich dadurch nochmal grundlegend gewandelt und so viele Puzzle-Stückchen haben sich hier ineinander gefügt. Ich bin der Überzeugung, diese Vorbereitung sollte jeder Frau zugänglich gemacht werden.

In der Schwangerschaft bin ich durchschnittlich 6.000 bis 10.000 Schritte am Tag in einer Altenhilfeeeinrichtung rumgerannt. Daneben habe ich Yoga praktiziert und gaaaanz  viel gegessen. Denn nur dann ist mir nicht schlecht geworden. Meine Yoga Trainerin Nicole nannte mich zuletzt „wunderschöne Gaya“ als ich mit über 113kg in den Kursraum watschel… tanzte. *hust*

Die letzten Wochen vor der Geburt wechselte ich in den Yoga Kurs von Susanne und lernte neben Nicoles Fitness Yoga Ansatz auch das Mantra Singen und Tönen kennen. Das Becken kreisen und lockern. Das Baby auf die Reise schicken, in der Kriegerin meine gute und kraftvolle Geburt visualisierend. Den Muttermund erblühen lassen. Auch mit einem Mandala, das ich während meiner letzten Einkehrtage im Kloster Arenberg als Einstieg in den Mutterschutz gemalt habe. In diesen Tagen habe ich u.a. an einem Meditationsangebot teilgenommen, konnte mich darauf aber nur schwer einlassen. Da habe ich lieber später im Zimmer übers Handy meine eigene angemacht, bin die Spirale im Klostergarten abgelaufen oder habe bei den Schafen, Hasen, Bienen und Apfelbäumen vorbei geschaut. Dazu ein paar Wellness-Bäder und einmal medizinische Fußpflege – da kam ich nämlich schon lange nicht mehr dran…

Die Geburt unseres Sohnes war leicht und kurz. Memo an mich: Blogbeitrag-Entwurf „Geburtsbericht“ anlegen. Kurz und knapp zusammengefasst: Für mich war es eine faszinierende Grenzerfahrung, verbunden mit tiefer Trance und den Urkräften in mir. Dieses Erlebnis hat Kräfte freigesetzt und mich einmal komplett neu verkabelt. Die Veränderungen in Gehirnen von Müttern durch den dazugehörigen Hormoncocktail sind der reinste Wahnsinn! Körpereigene Drogen sind nach wie vor die besten – ich schwöre auf diesen Mix aus Adrenalin und Oxytocin… 😉 Und staune immer wieder darüber, was die Natur sich so zauberhaftes ausgedacht hat.

Nachdem mir eine handfeste Brustentzündung mit Abzess nach ca 7 Wochen relativ aktivem Wochenbett eine Zwangspause verordnet hatte, habe ich – wieder mal – eine Entscheidung getroffen: Stress raus!

Eine faule Mutter zu sein, ist eine weise Entscheidung.

Und je älter mein Kind wird, desto wichtiger erscheint mir das. Denn irgendwann fing sie an, die Autonomiephase. Begleitet von Wutanfällen und Gefühlsstürmen. Die meiste Zeit kann ich gelassen bleiben, staunend auf dieses kleine Zauberwesen Homo-Sapiens blicken, mir ein Baustellenschild vor seinem Gehirn vorstellen und die Gefühle aushalten. Mein Kind trösten, Stress co-regulieren, um dann eine gemeinsamen Lösung zu finden. All das kann ich nur, weil ich seit meiner Schwangerschaft an mir arbeite und jeden Tag dazu lerne.

Und obwohl ich meine rosa-rote Brille für mein Kind auf der Nase halte, so gerate auch ich immer wieder in Situationen, die mich zur „Hulkin“ werden lassen. Die meine inneren Kinder auf die Barrikaden gehen lassen. Diese Wut in mir kann heftig sein und plötzlich sehe ich nur noch rot statt rosa. Doch mein inneres Stopp-Schild ist ebenso stark. Ich habe gelernt, einen Moment inne zu halten und nachzufühlen, was ich jetzt brauche, um die Verantwortung für die Beziehung zu meinem Kind wieder zu übernehmen. Ich habe gelernt, wie wichtig präventive Selbstfürsorge ist, um jeden Abend noch die „Kraft für eine Läusebehandlung“ zu haben. Danke an Nora Imlau für ihre wundervolle Kreativwerkstatt zum Familienkompass!

In der Ausbildungswoche beim Artgerecht Baby Coach Grundkurs in Köln hat Nicola Schmidt so liebevoll gesagt: Jede Generation heilt ein Thema. Und wenn ich mich so umblicke, hat wahrscheinlich jeder von uns Kriegsenkeln an irgendeiner Stelle einen Knacks. Wir alle tragen einen Rucksack aus Kindheitserfahrungen, tradierten Verhaltensweisen und Glaubenssätzen in uns, die uns das mit der Erziehung manchmal ganz schön schwer machen. Und manchmal erscheint es uns vielleicht unmöglich, dieses Hamsterrad zu durchbrechen. Wir haben keine Kraft mehr für den Scheiß mit den Bedürfnissen, fühlen uns gefangen. Der Druck, das Kind möglichst nicht psychisch kaputt zu machen, wird zu einer untragbaren Last.

Da hilft es, einen Nordstern zu fomulieren, dein ganz persönliches Warum. Warum willst du es anders machen? Gewaltfreiheit ist nicht konfliktfrei. Ganz im Gegenteil sind es gerade die Konflikte, die zu Wachstumszonen werden. Die uns herausfordern, eben nicht in den Kampf oder Fluchtmodus zu wechseln, sondern gelassen zu bleiben und eine kreative Lösung zu finden.

Ich kann mein Kind nicht vor allem beschützen. Vor allem will ich es nicht in Watte packen, die ich mir so schmerzhaft wieder von der Seele kratzen musste. Ich übe mich in gewaltfreier Erziehung, scheitere daran. Ich wachse mit meinem Kind und was letztes Jahr noch eskaliert wäre, kann ich schon heute belächeln. Ich lerne mich jeden Tag ein Stückchen mehr kennen und ich nehme mir selbst den Druck raus.

Erziehung ist der Versuch, unsere Kinder mit einem möglichst kleinen psychischen Knacks zu versehen. Oder zumindest mit einem kleineren als meinem eigenen.

In meinem MutterSein habe ich vor allem eins gelernt: Ich trage die Verantwortung für die Qualität der Beziehung zwischen meinem Kind und mir. Für alle meine Beziehungen. Und ich entscheide mich jeden Tag aufs Neue dafür, diese gewaltfrei, auf Augenhöhe und voller Wertschätzung zu führen. Mein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie darf mich nicht daran hindern, meine Grenzen klar aufzuzeigen. Ich darf diese jedoch auch flexibel und weich halten, je nach Tagesform und Situation. Jedes Gefühl darf sein und braucht Raum.

„Meine Grenze ist dein Halt.“

– Nora Imlau

Meine Tendenz zur Faulheit ist ein großes Geschenk! Meine eigene Unperfektheit ist das beste Lernfeld für meinen Sohn. An mir und meiner Schusseligkeit übt er Frustrationstoleranz, Kooperationsbereitschaft und Verbindung. Denn das Leben schreibt die besten Lektionen. Was darf ich hier heute lernen?

Ich darf jeden Tag ein bisschen wachsen. Ja, ich mache Fehler. Und das ist gut so. Ich lege den Fokus auf meine Stärken. Ich frage: Was ist mir schon gut gelungen? Und wo darf ich meinen Diamanten noch weiter schleifen?

Ich reflektiere mich regelmäßig. Was ist es, das mich gerade besonders triggert? Meine Hulk-Momente kommen seltener jedoch nicht weniger heftig. Wenn meine beiden Männer gleichzeitig reden bzw. ich mehrere parallele Gespräche nebeneinander führen muss, bin ich heillos überfordert. Was beim Chatten prima funktioniert, bringt mich am Esstisch zum Explodieren! Da raste ich regelrecht aus und letzte Woche ist es aus meinem Mund gekrochen: „Immer musst du….“ – Weiter kam ich nicht, weil mein wundervoller Mann mich aus der Schimpftirade rausgeholt hat. Danke!

Ich bin nach wie vor sehr harmoniebedürftig und wähle meine Kämpfe weise aus. Will ich es auf diesen Konflikt nun wirklich ankommen lassen? Habe ich überhaupt die Energie, eine kreative Lösung zu finden? Was brauche ich, um das jetzt zu begleiten? Ich gebe meinem Kind erstmal ein „Ja, das ist eine tolle Idee!“ und sehe das Leuchten in seinen Augen. Und dann kann ich trösten, wenn die Idee gerade leider nicht umsetzbar ist.

Und ja, ich bin ein zyklisches Wesen. Jeden Monat feiere ich eine Phase der glücklichen Depression. Ich igele mich ein, lecke Wunden, ruhe mich aus. Erholt feier ich meine Liebe zum Leben, meine Liebe zu Rausch und Ekstase.

Und weißt du was? Auch mein Sohn steht schon dadrauf. Er liebt es, sich beim Tanzen zu drehen bis ihm schwindelig wird. Das Kribbeln im Bauch beim Trampolin springen oder bei engen Kurven mit dem Laufrad. Er fährt Rampen und durch Sand. Ich sehe in ihm so viel von mir und meinen Kamikaze-Genen. Der Frosch verzaubert mich jeden Tag aufs Neue und macht es mir so leicht, die rosa rote Brille auf der Nase zu behalten.

Erst Anfang 2020 entdeckte ich eine neue Perspektive auf meine Spiritualität, den Sog gen Norden, zur Freiheit und zum Meer, den ich stetig in mir spüre. Die nordische Mythologie hat es mir angetan und immer wieder habe ich dieses Bild der stolzen Schildmaid vor meinem inneren Auge. Ich habe gelernt zu kämpfen, für mich, meine Freiheit. Und ich kämpfe für die Zukunft meines Kindes. Neben Räucher- und Runenbeutel sowie Dolch am Gürtel bin ich bestens ausgestattet:

Mein Schild ist die Liebe!

Mein Schwert ist mein Wissen.

Mein Langbogen ist mein queerer Humor.

Mein Talisman ist Yggdrassil, der mich jeden Tag daran erinnert, dass alles zusammenhängt und Valhalla auf mich wartet.

3 Kommentare

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.