Lasst und doch mal wirklich fühlen!

Gefühle können ganz schön anstrengend sein. Gerade wenn unser Leben gerade sowieso schon anstrengend und stressig ist. Und seien wir mal ehrlich, das Leben in unserer Gesellschaft ist anstrengend: Irgendwer hat immer Erwartungen, die wir erfüllen sollen, egal ob zuhause, in der Familie, im Job, in der Schule/Kita der Kinder oder oder oder.
Und wenn wir dann an unsere Grenzen kommen und das sagen, bekommen wir noch zu hören, wir sollen uns mal nicht so anstellen, nicht immer so übertreiben. Oder wir sehen zwar die Grenzen, gehen aber einfach über diese hinweg, machen weiter und funktionieren irgendwie, obwohl es uns gar nicht gut tut.
Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem unser Körper streikt. Wir werden krank und der Körper zwingt uns, eine Pause zu machen. Und selbst dann überlegen wir oft noch, ob es denn wirklich so schlimm ist oder ob wir nicht doch – ggf. zumindest im Homeoffice – ein wenig arbeiten können.
Doch müssen wir es so weit kommen lassen? Wie wäre es, wenn wir nicht jedes mal über unsere Grenzen drüberweg gehen würden? Wenn wir die Warnsignale unseres Körpers nicht nur wahrnehmen und dann zur Seite schieben, sondern auf sie hören würden? Wenn wir uns ins Bett legen und wirklich ausruhen würden, wenn wir krank sind, statt doch noch wenigstens kurz die Mails zu checken? Wenn wir zwischendurch einfach mal eine Pause machen würden? Kurz mal unseren Lieblingssong anmachen und den ganzen Mist abschütteln und raustanzen würden? Die Wand anschreien würden, weil wir gerade wütend sind, statt die Wut, wieder einmal runter zu schlucken? Die Tränen einfach mal fließen lassen würden, wenn gerade mal wieder alles zu viel ist oder wir traurig sind, statt sie wegzudrücken?
Wann hast du das letzte mal auf deine Gefühle gehört und einfach geweint, geschrien, gestampft oder bist vor Freude jubelnd durchs Wohnzimmer getanzt?
Genau das wäre im Grunde etwas ganz Normales: Dass wir Menschen nach einer stressigen Zeit anfangen zu zittern, zu schütteln, zu weinen, zu schreien usw.
Das ist es, was unser Nervensystem und unser Körper dann braucht, um aus dem Stresszyklus wieder raus zu kommen.
Doch in unserer Gesellschaft wird uns genau das abtrainiert. Gefühle zeigen? Auf keinen Fall! Was sollen denn die Nachbarn, anderen Menschen auf der Straße, meine Freunde… denken, wenn ich jetzt plötzlich anfange zu weinen oder zu schreien? Natürlich ist mir bewusst, dass es Situationen und Orte gibt, an denen es wirklich nicht angebracht wäre z.B. zu schreien, nur weil mich gerade etwas wütend macht. Das Problem ist nur, dass wir diese Wut auch später nicht raus lassen. Stattdessen schlucken wir sie runter, verstecken sie am besten noch hinter einem lächeln, damit bloß niemand merkt, wie es in uns gerade brodelt und tun so als wäre alles in bester Ordnung.
Bloß nicht zeigen, wie es einem wirklich geht. Auf die Frage „Wie geht es dir?“ antworten wir standardmäßig mit Floskeln wie „Gut und selbst?“ oder „Ach, muss ja.“ und ähnliches. Wir schlucken all das lieber runter und verstecken diese Gefühle, damit bloß niemand sieht, wie es in uns aussieht. Und mal im Ernst: Wie oft werden wir gefragt, wie es uns geht, ohne dass unser Gegenüber darauf eine ehrliche Antwort hören möchte?
Wenn du mich fragst wie es mir geht, wirst du keine Standardantwort bekommen, sondern hören, wie es mir gerade wirklich geht. Das kann dann natürlich auch mal etwas länger dauern. Und ja, damit bin ich durchaus schon das ein oder andere Mal angeeckt. Denn mein Gegenüber wollte mich doch eigentlich nur kurz begrüßen. Aber hey, wenn du mich begrüßen möchtest, dann sag halt „Hallo!“ und geh weiter!
Andersherum kannst du davon ausgehen, dass ich wirklich wissen möchte, wie es dir gerade geht, wenn ich dich danach frage. Und ja, ich frag dann auch nach, wenn als Antwort so was kommt wie „Ach, muss ja“ ! Was muss? Was ist gerade los bei dir? Brauchst du Unterstützung? Jemand der einfach mal zuhört? Eine Umarmung?… Ich will das dann wirklich wissen! Wenn nicht, frag ich auch nicht! Natürlich hängt das auch davon ab, wo wir uns treffen und wie viel Zeit und Energie ich gerade habe. Es kann also durchaus passieren, wenn du mich z.B. beim Einkaufen triffst und ich noch Termine habe, dass von mir nur ein „Hey schön dich zu sehen.“ kommt. Wenn du mich dann fragst, wie es mir geht kommt wahrscheinlich ein „Ist gerade viel los, ich hab gerade leider keine Zeit, lass uns gerne wann anders reden.“ oder etwas ähnliches zurück. Denn leider ist es nicht immer möglich mit jedem ausführlich zu sprechen, dem wir gerade begegnen.
Doch wenn ich die Zeit habe oder frage, dann freue ich mich, auf deine ehrliche Antwort.
Also, was wäre jetzt gerade deine ehrliche Antwort auf die Frage: „Hey, wie geht es dir heute?“
Schreib deine Antwort in die Kommentare, wenn du magst. Ich nehme mir gerne Zeit und hör dir zu. Hier darf alles sein. Du darfst alle Gefühle mitbringen und ich höre dir gerne zu, halte dich in diesen Gefühlen und bin einfach da.
Dein Thema ist dir zu persönlich für einen öffentlichen Kommentar? Dann schreib mir gerne eine Email an judith@familienakademie-duisburg.de und ich melde mich auf jeden Fall zurück.